e-Blog


4. April

"Identität" hat natürlich auch etwas mit "Authentizität" zu tun. Wann bin ich authentisch? Wenn ich mit mir selbst, meinen Werten und Zielen in meinem Verhalten übereinstimme. Im Lexikon finde ich unter Authentizität Begriffe wie Echtheit, Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit. Ein authentischer Mensch ist also jemand, der in dem, was er ausstrahlt, was er sagt und v.a. was er tut, einen echten und glaubhaften Eindruck hinterlässt. "Tja,", sagt da das kleine Teufelchen in mir, "das kann ein begnadeter Schwindler aber auch." Zweifellos richtig, er kann es in dem Maße, in dem er selbst an das glaubt, was er präsentiert. Und genau das macht es so schwer, wirklich aus den Handlungen, den Aussagen und den nonverbalen Signalen wie Mimik und Gestik, die der andere aussendet, auf den Wahrheitsgehalt zu schließen. Auch wenn er sich nicht widerspricht - kann man ihm deshalb schon vertrauen - oder hat er nur besonders effektiv trainiert? Was erfahre ich mittels authentischem Auftreten wirklich über die Identität des Anderen?


7. April

"Eigentlich sollte Authentizität in einem ehrlichen zwischenmenschlichen Miteinander eine Selbstverständlichkeit sein." lese ich bei einem Trainerkollegen. Und er meint damit natürlich nicht die perfekt inszenierte scheinbare Authentizität, sondern schon die wirkliche Übereinstimmung aller Kommunikation und allen Handelns mit den eigenen Werten. Da gebe ich ihm völlig Recht, das sieht auf den ersten Blick wirklilch paradiesisch aus. Wenn ich alles, was der andere sagt, für bare Münze nehmen kann, wenn ein bestimmtes Verhalten wirklich das ist, was es vorgibt zu sein und keine Finte ist oder ein politischer Schachzug. Wir könnten alle wesentlich stressärmer leben, weil wir sofort wüssten, woran wir sind. Andererseits: Es gäbe aber auch keine Rücksichtnahme, keine allgemein gültigen höflichen Umgangsformen, ja, vielleicht überhaupt keine Normen mehr. Wenn ich mich jederzeit so verhalte, wie es mir in meinem tiefsten Inneren entspricht, kann das einen Haufen Scherben hinterlassen. Ganz zu schweigen davorn, dass ich mein tiefstes Inneres vielleicht gar nicht so gut kenne ... Oder dass mein tiefstes Inneres anders aussieht, wenn ich entspannt bin als wenn ich gerade eine Riesenwut auf jemanden habe ... Oder dass Alkohol einen Einfluss auf die ganzen Wertekonstrukte in meinem Kopf ausübt und sich die Werte wundersamerweise verschieben können ... Was ist dann "authentisch?"


8. April

Ich denke, letztlich treten nur ganz kleine Kinder ihrer Umwelt natürlich, unbefangen und "echt" entgegen. Doch, ehrlich, sind wir nicht froh, wenn das kleine Kind verschiedene Anpassungsleistungen an die Gemeinschaft vollzogen hat? Wenn es nicht mehr einfach loskreischt, wenn jemand gerade eine Geschichte erzählt. Wenn es nicht dem Impuls nachgibt, seinem Sandkastenkameraden mit der Schaufel eins auf die Rübe zu geben? Sondern sich zurückhält. Nicht "authentisch" mit sich ist in diesem Moment, sondern vielleicht murrend und knurrend davon absieht, die eigenen Bedürfnisse zum Maßstab aller Dinge zu machen? Und sei es nur aus Angst vor Strafe.

Kleine Kinder leben einfach. Sie fragen sich nicht, wer sie sind und auch nicht, ob das, was sie tun, mit ihren Werten übereinstimmt. Wenn wir uns unseres Selbst bewusst worden sind (selbst-bewusst) können wir nicht mehr in diesen Zustand der Unwissenheit zurück, es wäre eine Illusion, die zu glauben.

11. April

Jeder von uns hat seine spezielle Sammlung persönlicher Wünsche, Ziele, Bedürfnisse, die wir versuchen mit anderen oder gegen andere in die Realität umzusetzen. Im Laufe unseres Lebens sammeln wir viele Erfahrungen mit uns selbst und mit anderen, lernen es, Kompromisse zu machen und lernen auch, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, weil wir den Eindruck haben, so besser voran zu kommen. Wir verstellen uns auch manchmal oder tun Dinge, die uns keinen Spaß machen. In vielen Dingen passen wir uns unserer Umgebung an. Aus den verschiedenen Rollen heraus machen wir wiederum Erfahrungen, die uns Impulse für unsere Weiterentwicklung geben können. In der einen Rolle fühlen wir uns mehr, in der anderen weniger identisch. Authentizität kann im Gegenzug nicht meinen, immer gleich zu sein, keine Rollen zu spielen. Doch diese Rollen sind völlig natürlich und etliche davon entstehen förmlich "von selbst". In der Rolle als Mutter bin ich anders als in der Rolle als Tochter, als Geschäftsfrau anders denn als enge Freundin von jemand. Ich denke, für die Authentizität ist es wichtig, einfach zu wissen: Ja, es gibt viele unterschiedliche Anforderungen an mich und ich lebe ganz verschiedene meiner Talente und Fähigkeiten in den einzelnen Rollen in unterschiedlichen Gewichtungen. Es wird mir wohl jeder zustimmen, dass der Wert "Liebe" in einer nahen persönlichen Beziehung anders und intensiver gelebt wird als in einer geschäftlichen Beziehung. Das hat nichts damit zu tun, dass man die eigene Persönlichkeit "aufgibt", sondern es hat etwas mit Flexibilität zu tun. Mit der Fähigkeit, verschiedene "soziale Sprachen zu sprechen".

16. April

Manchmal ist es eben angebracht, dass ich mich als stark darstelle, obwohl ich mich schwach fühle, dass ich lache, obwohl mir überhaupt nicht danach ist oder dass ich taktische Mittel benutze, um meinen Willen durchzusetzen. Natürlich. Und das geht wahrscheinlich jeder und jedem so. Doch es ist ausgesprochen wohltuend, mit Menschen zusammenzusein, wo das alles nicht erforderlich ist, wo ich mich angenommen fühle, egal in welchem Gemütszustand ich bin - und ich selbst ebenso den Anderen so annehmen kann, wie er grade drauf ist. Richtig, dazu braucht es Vertrauen. Und deswegen taugt ein "Sei authentisch" auch nicht als allgemeine Verhaltensmaxime und ist auch kein "höherer Wert". Ich teile daher auch nicht die Auffassung, dass Authentizität die Voraussetzung für Emotionale Intelligenz sein müsse und dass "ohne sie die soziale Kompetenz zum Scheitern verurteilt sei". Ich denke eher, dass es zur Emotionalen Intelligenz gehört, abwägen zu können, wann authentische Selbst-Aussagen angebracht sind und wann nicht. Abwägen zu können, wann "so tun als ob" eine gute Option ist und wann es besser ist, Schwächen oder Versäumisse einzugestehen. Diese Flexibilität zu haben, das isses. Sich verstellen zu können aber nicht hinter einer Rolle verstecken zu müssen, offen sein zu können aber keinem Selbstoffenbarungszwang zu unterliegen usw. Diese Wahlfreiheit zu haben.

22. April

Wenn ich selbst an etwas glaube, von etwas überzeugt bin und dies offen vertrete, laufe ich zwar in Gefahr, mich der Kritik Andersdenkender auszusetzen, aber gleichzeitig entsteht in mir ein Gefühl von Stimmigkeit, von Übereinstimmung mit mir selbst. Wenn ich dem anderen nach dem Mund rede oder aus Konfliktscheu heraus schweige, wenn ich anderer Meinung bin, dann entsteht dieses ungemein stärkende Gefühl nicht. Sondern es entsteht so etwas wie Beschämung oder ein Fluchtimpuls. Und: ich beraube mich der Chance, etwas dazuzulernen. Vielleicht ist meine Auffassung ja durchaus fragwürdig. Vielleicht werde ich aber durch das Gegensätzliche, was der andere mir entgegnet, auch in meinem Denken bestärkt. - Ich werde es nie erfahren, wenn ich nicht den Mund aufmache ...!

25. April

Wer es aufgegeben hat zu träumen, wer keine eigenen Ziele und Visionen mehr hat, dem wird es auch schwer fallen andere von etwas zu überzeugen. Eigene Vorstellungen zu entwickeln, auch wenn sie nicht sofort umsetzbar sind, stärkt das Identitätsgefühl und das Selbstbewusstsein. Fassen Sie Mut, das, was Sie innerlich bewegt, zu visualisieren oder zu Papier zu bringen. Nutzen Sie Ihre Erfahrungen dazu, Pläne zur Umsetzung Ihrer Wünsche und Vorstellungen zu machen. Auch wenn es vielleicht gewagte Wünsche sind, machen Sie den ersten Schritt. Und: so wichtig es Ihnen ist, ein Ziel zu erreichen, noch wichtiger ist es, auf IHREM Weg zu sein. Das macht Sie authentisch. Manchmal braucht es Mut, auf die innere Stimme zu hören, den eigenen, individuellen Weg zu gehen, vor allem dann, wenn Sie dabei gegen Gewohnheiten und gewachsene Strukturen handeln müssen. Doch es festigt das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein ungemein, wenn man "in eigener Sache" unterwegs ist, statt darum bemüht zu sein, anderen zu gefallen oder es jeden Recht zu machen.

29. April

Man kann dann, wenn man Flagge zeigt und ein eigenes Profil entwickelt, zu dem steht, was man fühlt und denkt, nicht allen gefallen. Lassen Sie sich nicht durch Ablehnung, Neid oder Missgunst derer verunsichern, die mit dem, was Sie in Angriff nehmen, nichts anfangen können. Nutzen Sie Mäkelei vielmehr als Chance, Ihre Motivation weiter zu stärken. Der eigene Weg mag manchmal steinig sein, aber er macht glücklicher und stärkt die Authentizität - sogar wenn man dabei auf manche materielle Sicherheit verzichtet oder sich von falschen Freunden trennt. Immer dann, wenn ich Träume in Ziele verwandelt habe und dabei war, Wege für die Umsetzung auszuloten, bin ich immer auch wieder auf verdrängte Gefühle gestoßen, auf das, was mich bislang aufgehalten hatte - und dadurch werden immer auch neue Erfahrungen ermöglicht, wie ich inzwischen oft und oft erfahren habe. und sich selbst besser kennenlernen. Unterstützen Sie diesen Prozess durch offene Gespräche und ehrliche Feedbacks von Freunden. Dies kann ein Gradmesser für Ihr wachsendes Selbstvertrauen und ein Spiegel Ihrer Authentizität sein.
zurück