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1. Mai

Gerade wenn vertraute Sicherheiten und Orientierungen ins Schwimmen geraten, vertraute Werte hohl und brüchig werden, aber sich (noch) nichts greifbares Neues abzeichnet, klopft schon mal eine Identitätskrise an. Man fragt sich: Wer bin ich eigentlich? Was bedeute ich anderen? Wo gehöre ich hin? Bin ich immer noch die, die ich die ganze Zeit über war? Irgend etwas ist anders, und man weiß nicht, was genau das ist, dieses "anders". Nun, nachdem ich selbst mit gut einem halben Jahrhundert gelebten Lebens auf dem Buckel nun etliche dieser Identitätskrisen erlebt habe, weiß ich nur: sie sind
a) zeitlich begrenzt; wenn man mitten drin ist, glaubt man das in der Regel nicht
b) ausgesprochen fruchtbares Land, auch wenn man sich wie in der Wüste vorkommt
c) immer anders - keine gleicht der vorangegangenen.


2. Mai

Manche dieser Krisen habe ich "gemeistert" - andere habe ich einfach nur überstanden. Irgendwie. Und habe erst mit zeitlichem Abstand bemerkt, was wann fruchtbar geworden ist und einen Rückschluss auf die überstandene Identitätskrise zuließ. Inzwischen ist es so, dass ich zwar nicht "Hurra" schreie, wenn die eine Identitätskrise heraufzieht, aber ich gerate auch nicht mehr in Angst oder anhaltende Düsternis. Nennt man das Lebensweisheit? Oder ist es nur einfach eine Gewohnheit? Ein Ritual? Die letzte Häutung führte zu meinem Selbstverständnis als Autorin. Bis ich da war, ging es in meinem Kopf und in meinem Leben drunter und drüber. Wenn ich künftig vorrangig Bücher schreiben will, ja, dann brauche ich die Zeit dafür und muss auf andere Dinge, die bisher wichtig waren, verzichten. Tja, und da brachen die inneren Grabenkämpfe aus, und Aus war's mit einer geordneten Identität. Die Trainerin in mir will weiter Seminare geben, die Politikerin weiter Politik machen, die Malerin weiter malen, die Designerin weiter designen ... am besten wir schaffen den Schlaf ab. Nein protestiert dann die Erholungsbedürftige, dann schmeiße ich Euch allen eine Bombe vor die Füße und sorge für einen Daueraufenthalt im Sanatorium. Kennen Sie das? Vielleicht nicht grade in dieser Zusammensetzung, sondern in Ihrer individuell eigenen, doch im Prinzip ist dieser Zustand doch zum Mäusemelken.

12. Mai

Fragen nach der eigenen Identität sind wohl im Leben eines jeden Mensch zentral. Wikipedia meint dazu, dass - bezogen auf den Menschen - Identität (v. lat.: idem = derselbe) zumeist die Unterschiedlichkeit dieses bestimmten Wesens (z.B. eines Menschen oder einer Sache) von anderen bezeichnen würde und dass der Begriff hin und wieder auch "unscharf" für die Einzigartigkeit (Individualität) eines Wesens gebraucht werde. Aber ist es tatsächlich so, dass Identität darin besteht, dass ein Mensch sich über alle Veränderungen hinweg als als derselbe oder dieselbe wahrnimmt. Da bin ich schon etwas skeptisch. In meiner Binnensicht nehme ich mich in weiten Teilen anders war als vor 10 Jahren, geschweige denn als vor 20 oder 30 Jahren. Dies macht sich vor allem an der vorherrschenden Gedankenwelt und an den Emotionen fest. Bestimmte Dinge, die mich früher fürchterlich aufgeregt haben, rufen jetzt ein lapidares Schulterzucken hervor, andere, die mich vor Jahren nicht im mindesten berührt haben, sind auf einmal wichtig. Wer ist diese Person, die das wertet? Und warum wertet sie jetzt anders als damals? Auch wenn ich ein Buch lese, das ich schon einmal vor längerer Zeit gelesen habe, kommt es mir so vor, als sei es ein völlig anderes, als würde das was ich lese, eine Resonanz an ganz unterschiedlichen Stellen in meiner Wahrnehmung ergeben.

20. Mai

Heute geht man im Gegensatz zu früheren Auffassungen davon aus, dass Identitätsbildung ein lebenslanger Prozess ist, dass man als Mensch also nicht irgendwann "fertig" ist. Nach meinen eigenen Beobachtungen meine ich, es ist auch nicht so, dass man sich immer weiter und weiter entwickelt, sondern dass man sich eher "bucklig" entwickelt. In manchen Phasen meines Lebens hatte ich den Eindruck, etwas dazugelernt, reifer geworden zu sein - um mich dann anschließend als unfertig, kindisch, voller Defizite wahrzunehmen. Da fragte ich mich dann natürlich schon z.B.: hey, du hast wunderbare Reden gehalten, die Leute haben regelrecht davon geschwärmt und wenn du derzeit den Mund aufmachst, kommt nur grauslich verworrenes Zeugs raus. Wie kann das sein? Irgendwann, keine Ahnung wodurch, ist diese Phase wiederum vorbei, und die Leute erzählen wieder, ich würde wunderbare Reden halten ... sicher gibt es irgendeine schlüssige Erklärung und ich freue mich jetzt schon, wenn jemand mich aufklärt, wieso meine Teil-Identität als Rednerin solche Purzelbäume schlägt. Was macht mich eigentlich aus? Was macht meine Freundin Anne aus? Was macht meinen Freund Uwe aus? Ich denke, so richtig "identisch stabil" erleben wir Menschen in erster Linie von außen, die müssen sich inwendig gar nicht so empfinden. Wenn ich Anne oder Uwe nach mir selbst frage, bin ich für beide schon, Krisen hin oder her, eine einschätzbare Größe. Eine Person, die eine Identität hat. Was macht jeden von uns also als Person jeweils aus? Sind wir, von außen betrachtet, die Summe unserer Äußerungen und unseres Verhaltens?


25. Mai

Kinder lernen in den ersten ein bis anderthalb Jahren, in einem sehr körperlichen Sinne, sich selbst wahrzunehmen. Dann beginnen sie z.B. damit, sich im Spiegel zu entdecken und zu ihnen wird klar: das da im Spiegel bin ja ich und das ist nicht jemand anderes. Eng damit verbunden ist der Eindruck, dass auf die eigene Initiative hin sich im außen etwas ändert. Das Kind nimmt einen Topf vom Tisch: dann ist er weg von dort und hier bei ihm. Das Kind ruft laut und jemand dreht den Kopf und blickt das Kind an. Das Bewusstsein von Selbst-Wirksamkeit fängt so an. Man macht die Erfahrung: ich kann etwas bewirken. Und ich bemerke, dass ich etwas bewirke. Ich reflektiere das. Das Ich ist immer das reflektierte Ich, das, was in meinem Gehirn an Reflexion über mich selbst und die Situation und ihre Veränderung sich abbildet. Identität wird eigentlich davon gespeist. Ohne die Auseinandersetzung mit dem Außen und die Erfahrung von Selbst-Wirksamkeit ist eigentlich kein Identitätsgefühl möglich, oder?

28. Mai

Identitätsbildung setzt voraus, dass es Freiräume gibt, eben gerade in der Kindheit und Jugend, freie Räume für Experimente, nicht zu viele vorgefertigte Erklärungen für alles und jedes, Freiraum, selbst zu erfahren und sich selbst auszuprobieren. Kindliche Rollenspiele dienen der Identitätsfindung, dem lustvollen Erkunden der eigenen Möglichkeiten, der Freiheit, mit verschiedenen Identitäten auch experimentieren können. So vielgestaltig wie in dieser ersten Zeit des Ausprobierens wird es kaum je mehr ... außer man wird Maler, Schriftsteller oder Schauspieler ...

31. Mai

Weshalb werden Veränderungen oft als Identitätskrisen erlebt? Als ich vor 10 Jahren die geliebte und gehasste Katastrophenvilla am Röhrensee verließ, war ich der festen Meinung, die wieder so glücklich werden zu können, wie ich gewesen war. Und dass zu meiner Identität immer ein gewisses Quantum an "Schwere" gehören würde. Es schwer nehmen, melancholisch sein, das läge halt so in der Familie. Schon mein Vater, meine Großmutter ... und dann mein Urgroßvater ... tja, seufz. Was will man da schon machen, außer sich ein Dauerabo an Familienaufstellungen zu beschaffen? Wenn ich heute auf mein damaliges Ich und seine Identitätsvorstellung schaue, frage ich mich, wieso um alles in der Welt ich jahrzehntelang solche merkwürdigen Dinge über mich geglaubt habe. Mein Selbstverständnis hat sich an so vielen Punkten geändert, dass ich erst "Anlauf" nehmen muss, wenn ich mich in meine damalige Welt und mein damaliges Bewusstsein einfühlen will. Identitätsbildung als ein lebenslanger, manchmal auch ziemlich schmerzlicher Prozess ist wohl auf immer neues Weggehen und Sich-neu-einrichten ausgelegt. Wie tröstlich, dass zu meinen zahlreichen Macken wenigstens nicht der Sicherheitsfetischismus gehört ...

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